Anthus
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Antonius Anthus ist das Pseudonym eines Nürnbergers namens Gustav Blumröder.
Aus seinem Leben
Gustav Philipp Blumröder (1802–1853) war Schüler des Gymnasiums Aegidianum in Nürnberg, heute Melanchthon-Gymnasium. [1] Er war Arzt, Psychiater, Politiker und Romancier. 1848 war er Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung.
Im Jahre 1838 erschien sein Buch „Vorlesungen über die Eßkunst“, das im Jahr 2006 als Band 264 der renommierten „Anderen Bibliothek“, Herausgeber Hans Magnus Enzensberger, der übrigens auch in Nürnberg geboren wurde, vom Eichborn-Verlag wieder aufgelegt wurde.
Publikationen
- Antonius Anthus ( d.i. Gustav Philipp Blumröder): Vorlesungen über Eßkunst. Otto Wigand Verlag, Leipzig, 183, 276 S.
- Antonius Anthus: Vorlesungen über Eßkunst. 2. Auflage. Leipzig: Wiegand, 1881, 287 S.
- Des Antonius Anthus Vorlesungen über Eßkunst. Darin zum ersten Male die Weltanschauung der Eßkünstlers, die Prinzipien der Eßkunst und ihre Beziehungen zur Geschichte, den anderen schönen Künsten, der Moral und vieles mehr umfassend dargestellt wird. Mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Günter E. Scholz. Leipzig 1838. Neu ediert. Bern; Stuttgart; Wien: Scherz, 1962, 311 S.
- Vorlesungen über die Eßkunst. „ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“. Hrsg. und mit einem Nachw. versehen von Alain Claude Sulzer. Mit Vignetten von Stephan Jon Tramèr. Frankfurt am Main: Eichborn, 2006, 316 S., ISBN 978-3-8218-4578-4 (Die andere Bibliothek; Band 264)
Artikel in der NZ
- Originaltext! Dieser Text stammt aus der Nürnberger Zeitung, ist urheberrechtlich geschützt und deshalb nicht editierbar. Das Anlegen weiterer Abschnitte ist aber durchaus erwünscht!
Ein Nürnberger war der erste "Gastronaut"
- Dies ist ein Buch aus einer anderen Welt. Denn es heißt „Vorlesungen über die Eßkunst“. Was, so mag man heute fragen, soll am Essen eine Kunst sein? Man packt den Hamburger aus, man nimmt ihn in die Hand und man beißt hinein. Keine Kunst! Die bestünde bestenfalls darin, die Mayonnaise daran zu hindern, aus den lappigen Brötchenhälften herauszuquellen und aufs Hemd zu tropfen.
- Doch bevor man nach alter Väter Sitte die Sittenlosigkeit der Moderne geißelt und sich über Fast Food ereifert, sollte man das 1838 erstmals erschienene Werk sorgfältig studieren. Der Mangel an Esskultur war nämlich damals schon zu beklagen: "Da stopft einer gedankenlos und zu jedem Bissen so viel Brot in den Mund, daß er unmöglich den spezifischen Geschmack irgendeiner Speise perzipieren kann. Sein Nachbar zerreißt, Grimm im Antlitz, mit kannibalischer Roheit einen Krebs..."
- Der Verfasser dieser Vorlesungen wusste auch, wie gesagt schon 1838, woher die Unkultur kam: "Wie lästig muß den Dollarmännern doch dies Geschäft (gemeint ist natürlich das Essen, d. Red.) sein, mit welcher hastigen Verdrießlichkeit schlingen und schlucken sie und eilen, mit der geschäftsstörenden Pause so schnell als möglich fertig zu werden! Es sind keine fünf Minuten vergangen, und schon steht einer nach dem andern eilfertig auf, und geht, noch käuend, ab."
- Derlei beobachtete der Verfasser allerdings auch in seinem eigenen Lande, allenthalben begegnete ihm das typisch deutsche: Essen als Pflicht. Man muss essen, um wieder arbeiten zu können. Etlichen Zeitgenossen des Verfassers war die Entfaltung der Sinneslust beim Essen geradezu verdächtig, sie galt als welsche (französische, siehe Napoleon, siehe Erbfeind) Überfeinerung und damit Verweichlichung. So zu denken, war ihm ein Gräuel, jenem Antonius Anthus, der eigentlich Gustav Blumröder hieß – und ein Nürnberger war.
- Im Jahre 1802 kam er hier zur Welt, in der Nachbarstadt Erlangen studierte er Medizin und schrieb seine Doktorarbeit über Hypnose. Seine Vorlesungen über die Kunst des Essens schrieb er allerdings nicht als Arzt (als solcher hätte er sich die eine oder andere Vorliebe vielleicht verkneifen müssen), sondern als reiner Genießer für einen Kreis von Genießern, der sich regelmäßig zum Tafeln traf.
- Solche kunstsinnigen Kreise des gehobenen Bürgertums waren im damaligen Nürnberg, man möchte sagen: Mode. Zu jener Zeit gab es nämlich auch die berühmte „Morgengesellschaft“, deren Mitglieder Stunden vor Sonnenaufgang aufstanden und hinaus vor die Tore der Stadt wanderten, um im Kaffeehaus Lutzgarten gemeinsam zu frühstücken.
- Anthus respektive Blumröder wurde zwar nur 51 Jahre alt, er starb im Jahre 1853, aber sein Buch war noch fünfzig Jahre nach seinem Tod dermaßen bekannt, dass der Rat der Stadt Nürnberg ensthaft in Erwägung zog, eine Straße nach Blumröder zu benennen – was seine Tochter Auguste, ganz der Bescheidenheit ihres Vaters eingedenk, allerdings ablehnte.
- Anthus und seinen Freunden ging es nicht darum, hohe Ansprüche an das Essen zu legen – sondern an sich selbst. In heutigen wie damaligen Feinschmeckertempeln gilt das als gut und teuer, was schwer zu beschaffen ist, was eine komplizierte Zubereitung erfordert und was exotisch gewürzt wird. Damit konnte man Anthus nicht beeindrucken. Doch verfiel er auch nicht ins andere Extrem, dem manche seiner Zeitgenossen, die Romantiker nämlich, schwärmerisch nachtrauerten: Ein Stückchen Brot, ein Stückchen Käse, ein Schlückchen Wein, einfach sollte es sein und damit genug.
- Anthus pries die bürgerliche Küche, doch sind seine Vorlesungen, auch wenn sie gerne das eine oder andere Rezept vorstellen, alles andere als eine Rezeptsammlung. Anthus wollte viel höher hinaus. An der philosophischen Fakultät, konstatierte er, würden Seminare über Ästhetik abgehalten, die Ästhetik des Essens aber sei kein Thema. Essen galt (und gilt!) als Banalität, und genau dagegen lief Anthus sozusagen Sturm, denn: "Der Eßkünstler verhält sich zum Kochkünstler wie der Schauspieler zum dramatischen Dichter." Höher kann man seine Ansprüche wirklich nicht mehr schrauben.
- In damaligen Begriffen wollte Anthus die Kunst des Kochens durch die Kunst des Essens "wahrhaftig würdigen", in heutigen Termini oder Slogans könnte man seine Bemühungen zu der Losung zusammenfassen: Bewusst essen heißt bewusst leben, und bewusst leben heißt bewusst essen.
- Wer dem Buch mit der vom Verfasser geforderten Bildung begegnet, mag an eine Lehrfabel aus dem Zen-Buddhismus denken. Da streiten sich zwei junge Mönche, welcher von ihnen den weiseren Meister habe. Der eine verweist auf die magischen Fähigkeiten seines Abtes, der auf dem Wind reiten und auf dem Wasser wandeln könne, der andere jedoch sagt von seinem Meister: "Wenn er geht, dann geht er. Wenn er trinkt, dann trinkt er. Wenn er isst, dann isst er."
- Das ist eine Formel nicht nur für die "Eßkunst", sondern für die Lebenskunst schlechthin. Man tue das, was man eben gerade tut, mit Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, ohne in Gedanken schon wieder ganz woanders zu sein. Nicht ist schlichter, und nichts ist schwieriger.
- Wie aber sollen wir sie lernen, die Kunst des Essens? Da wird Anthus detailversessen und dogmatisch, so richtig fuchtig. Radieschen zu Käse? Das ist ihm ein Gräuel! Wasser statt Wein? Das ist ihm ein Gräuel! Austern nach der Suppe? Das ist ihm ein Gräuel! Fleisch parallel zur Faser tranchieren? Das ist ihm ein Gräuel! Gekochtes Rindfleisch? Das ist ihm ein Gräuel! Alles durcheinander essen? Das ist das Gräuel aller Gräuel!
- Und es gibt Gräuel, die uns heute noch schrecken. Anthus bemängelt, dass dem Salat in Deutschland viel zu viel Essig beigemengt wird. Daran hat sich in 169 Jahren nichts geändert! Anthus schlägt vor, einen französischen Brauch zu übernehmen: den Salat ungewürzt auf den Tisch zu stellen und die Dosierung der Vinaigrette dem Gast zu überlassen. Das soll nicht heißen, dass er die französische Küche anbetet.
- Er schaut sich in fremden Ländern um, findet dort aber nirgends sein Ideal. Sein Credo läuft darauf hinaus, vorurteilsfrei von allem zu prüfen und nur das Beste zu übernehmen. In seiner leider oft schulmeisterlichen Art befiehlt er dem Leser geradezu, seine Vorurteile (Fisch mag ich nicht, Muskat schmeckt mir nicht) über Bord zu werfen und alles, was auf den Tisch kommt, doch zumindest zu probieren, andernfalls man einer Ess-Erfahrung verlustig ginge, von der man ja noch gar nicht wissen könne, ob sie nicht vielleicht doch zum vortrefflichen Wohlgeschmack zu gereichen vermöge.
- Anthus hätte nicht genug Stoff gehabt, wenn er nicht neben den allgemeinen Belehrungen eine Art Thesaurus oder Enzyklopädie geschrieben hätte. Was und wie isst man auf anderen Kontinenten, was hat man in der Antike gegessen? Anthus kennt seinen Homer, doch klopft er ihn auf jenes ab, was den Hellas-Schwärmern seiner Epoche gar nicht aufgefallen war: Wovon ernährte sich Odysseus? Was galt den Helden vor Troja als besonderer Leckerbissen?
- Den antiken Göttern allerdings gilt Anthusens Mitleid: Nichts als Nektar und Ambrosia, das muss doch auf die Dauer schrecklich öde sein und um so eintöniger, als man als Gott ja auch noch unsterblich ist.
- Und wenn es Anthus auch nicht nach exotischen Leckereien gelüstet, so will er doch gerne glauben, dass das Fleisch des "Elephanten" saftiger und schmackhafter als Rindfleisch ist. Das "Wildpret" seiner Zeit hingegen mag uns als exotisch erscheinen, denn dazu gehörten Hamster, Eichhörnchen und Siebenschläfer. Da wendet sich der Gast mit Grausen! Überhaupt ist es mehr als erstaunlich, was man früher alles als essbar eingestuft hat...
- Es drängt sich geradezu auf, Antonius Anthus als einen Vordenker der heutigen "Slow Food"-Bewegung zu begreifen, doch da gibt es einen entscheidenden Unterschied. Denn Anthusens stures Beharren auf Wein zu jedem Essen, verbunden mit einer peinlich genauen Aufzählung der geeigneten Sorten, seine Vorliebe für Gebratenes, für Saftiges und damit nicht zuletzt für Fettes sind mit dem Gesundheitsbewusstsein, das mit "Slow Food" einhergeht, leider nicht so recht vereinbar.
- So zeitlos einige seiner Betrachtungen sind, so zeitgebunden, geradezu gefangen in ihrer Zeit, sind andere. Wer würde sich heute noch Gedanken darüber machen, dass von Krebsfleisch verursachte Flecken auf weißer Tischwäsche einfach nicht herauszuwaschen sind und dass man deshalb zu Krebsen rosafarbene Servietten auf den Tisch legen sollte? Übrigens: Über diesen beschworenen Schrecken der Krebsflecken machte sich noch achtzig Jahre später Gustav Meyrink in einer Groteske lustig.
- Und wer heutzutage Zahnstocher aus Elfenbein benutzen wollte, wie sie damals an der gehobenen Tafel üblich waren, der riefe, wegen des Artenschutzes, den Staatsanwalt auf den Plan... Nur gut, dass Anthus zu hölzernen Zahnstochern riet, allerdings zu solchen aus edlen Hölzern, was heute auch nicht mehr konfliktfrei zu verwirklichen wäre.
- Doch sollten andererseits die "Vorlesungen über die Eßkunst" nicht als Kuriosum betrachtet werden, auch wenn man bei der Lektüre manchmal lächeln muss, denn, wie bereits ausführlich ausgeführt, ist ihre Kernaussage vollkommen zeitlos. Zeitlos ist natürlich auch, wie gewitzt, wie scharfsinnig, wie pointiert Anthus schreibt.
- Am Schluss aber schießt Gustav Blumröder über sein Ziel hinaus: "Ich habe eine neue Wurst erfunden." Im folgenden zählt er auf, was alles hinein muss, und da möchte man denn doch durch die Zeit zurückreisen und ihm zurufen: "Freund! Eine neue Wurst magst du vielleicht in Hannover, Köln oder Berlin erfinden! Aber doch nicht Nürnberg! Hier gibt‘s die besten Würstchen der Welt!"
- Magnus Zawodsky
