Das Maybach-Museum in Neumarkt
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Das ist er, der berühmte „schwarze Prinz“, der selbst unter den exklusiven Maybach-Modellen eine Sonderstellung einnimmt. Das fast sechs Meter lange Fahrgestell war eigentlich für eine viertürige Limousine ausgelegt. Dass darauf aber eine Cabriolet-Karosserie mit nur zwei Türen gesetzt wurde, das verleiht dem Wagen seine fließende Eleganz.
Dieser trotz seiner Dellen und Roststellen immer noch imposante Maybach wurde 1945 von der Roten Armee requiriert – er war eine Kriegsbeute. Bis zum Jahr 1991, also fast ein halbes Jahrhundert lang, wurde er in Russland als Bus und als Lastwagen eingesetzt. Er lief unter härtesten Bedingungen und war in zahllose Unfälle verwickelt – und er lebt immer noch.
Man möchte meinen, dass es für gerade mal 16 alte Autos nicht unbedingt ein Museum bräuchte. Die könnte man ja in den Scheunen rings um Neumarkt unterstellen. Tatsächlich sind einige von ihnen Jahrzehnte lang in Scheunen gestanden. Das Märchen von der „schlafenden Schönheit“, die auf den Sammler wartet, der sie wach küsst, ist Wirklichkeit.
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Artikel in der NZ
- Originaltext! Dieser Text stammt aus der Nürnberger Zeitung, ist urheberrechtlich geschützt und deshalb nicht editierbar. Das Anlegen weiterer Abschnitte ist aber durchaus erwünscht!
Audienz beim schwarzen Prinzen
- Wachgeküsst wird mit Werkzeug
- Der ältere Teil des Museums gehört heute selbst ins Museum, das macht schon die Beschilderung in Frakturschrift.
- Wachgeküsst wird mit Werkzeug, und der Kuss kann Jahre dauern. Denn es sind nicht irgendwelche alten Autos, die hier ausgestellt werden. Noch nicht einmal der Begriff „Oldtimer“ trifft zu. Es sind die schönsten, besten und teuersten Wagen, die je gebaut wurden (vom Rolls-Royce einmal abgesehen). Es sind historische Fahrzeuge aus den Maybach-Motorenwerken.
- Weltweit gibt es nur noch 160 davon – und genau ein Zehntel des Weltbestands steht im Neumarkter Maybach-Museum. Gesammelt hat sie Dr. Helmut Hofmann. Der Arzt kam auf den Geschmack, als ein Freund so einen Wagen mit List und Tücke aus der DDR losgeeist hatte. Er sah ihn, verliebte sich und wollte auch einen – bei dem es nicht blieb. „Sie wissen ja“, schmunzelt der Kieferchirurg, „wie das beim Sammeln ist. Man nimmt einen Bierdeckel mit, dann noch einen, schon wird man zum Sammler und am Ende ist die Wohnung zu klein...“
- Der „Mythos Maybach“
- wird heuer hundert Jahre alt. Wilhelm Maybach, 1846 in Heilbrunn geboren, war ein Waisenkind. Im Bruderhaus von Reutlingen erkannten Pfarrer Gustav Werner und Gottlieb Daimler (ja, der Daimler) seine außergewöhnliche Begabung. Sie ließen ihn zum technischen Zeichner und Konstrukteur ausbilden. Er war an der Erfindung des Automobils beteiligt und konstruierte später den Motor des ersten Mercedes. Im Museum steht, als Leihgabe, der „Stahlradwagen“, den Daimler und Maybach gebaut hatten und 1889 anlässlich der Pariser Weltausstellung erstmals einer staunenden Öffentlichkeit präsentierten.
- Zusammen mit seinem Sohn Karl gründete Wilhelm Maybach 1909 die späteren Maybach-Motorenwerk in Bissingen, die Hochleistungsmotoren für Luftschiffe und Flugzeuge fertigte. Doch nach dem ersten Weltkrieg durften die Deutschen gemäß dem Versailler Vertrag keine Flugzeuge mehr bauen. Angesichts der dadurch sehr schlechten Auftragslage hatte Karl Maybach die rettende, die geniale Idee: Luxusmodelle bauen!
- Diese Idee wurde auf die Spitze getrieben, als 1929 die Weltwirtschaftskrise kam, die viel schlimmere Auswirkungen hatte als die gegenwärtige. Jetzt erst recht, hieß es bei Maybach, jetzt werden die teuersten Autos der Welt gebaut! Denn es gibt auch mitten in der Krise Menschen, die sich so etwas leisten können – man muss sie nur ansprechen, durch Spitzenqualität überzeugen.
- Zu den teuersten Wagen gehört der Maybach noch heute.
- Ein modernes Modell kostet eine halbe Million Euro
- Wer sich eines zulegen kann, gibt aber meistens mehr aus. Man belässt es nicht beim Standard, man will diverse Extras, ein Kühlfach für Champagnerflaschen etwa oder einen Internet-Anschluss über Funk. Das mit den Extras war schon früher so, und noch extravaganter. Dr. Hofmann gerät ins Schwärmen, wenn er von den Sonderwünschen erzählt, die natürlich alle erfüllt werden konnten. Haile Selassie etwa, der Kaiser von Äthiopien, ließ das Wappen des Herrscherhauses aus purem massivem Gold auf die Kühlerhaube schrauben. Der Maharadscha von Jaipur ließ Edelsteine in die Scheinwerfer einsetzen.
- Aber auch bürgerliche Besitzer ließen sich in Sachen Maybach nicht lumpen. Der oben gezeigte „schwarze Prinz“ beispielsweise gehörte in den zwanziger Jahren einem Professor für Rechtsphilosophie. Und der hatte, zusätzlich zum Studium, doch tatsächlich eine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker absolviert, nur um seinen vielgeliebten Maybach selber pflegen, warten und notfalls reparieren zu können.
- Woher man über solche Kabinettstückchen Bescheid weiß? Über jeden einzelnen alten Maybach gibt es eine Akte! Und dort ist alles genau festgehalten, was man über dieses Fahrzeug in Erfahrung bringen konnte. Dr. Hofmann scheut den Vergleich mit der Hochkultur nicht: „Das ist wie beim Köchelverzeichnis, in dem jedes einzelne Werk von Mozart eingetragen ist!“
- Im – weltweit einzigen – Maybachmuseum steht ein Zehntel des Weltbestands
- - und das ist nur ein knappes Zehntel dessen, was von Maybach gebaut wurde: Von 1921 bis 1941 verließen 1800 Wagen die Werke, das waren 90 pro im Jahr. Alle anderen sind – vor allem in den Kriegswirren – verschollen und verschrottet. Vom ersten Maybach, der je gebaut wurde, existieren nur noch ein paar Einzelteile – und die sind in Neumarkt zu sehen, wo man sich übrigens nicht scheut, auch einen nur ansatzweise restaurierten Wagen zu zeigen, an dem Stück für Stück alles neu und natürlich nur in Handarbeit entsteht. Wie er einst aussah, weiß man ganz genau: Hinter
- dem „work in progress“
- hängt ein überlebensgroßes Foto an der Wand, komplett mit Dame im Charleston–Look.
- Es kann durchaus sein, das irgendwo in der Ukraine oder in Weißrussland in einem verlassenen Traktorschuppen ein vergessener Maybach seiner Entdeckung harrt. Die Frage ist nur, in welchem Zustand. Ein ganz besonderes Ausstellungsstück ist der Wagen, der 1945 von der Roten Armee beschlagnahmt wurde, der sozusagen in Kriegsgefangenschaft geriet und, als „Bourgeois“ unter den Autos, die Arbeit eines Proletariers verrichten musste.
- Der misshandelte Maybach wirkt immer noch majestätisch. Was den Krieg betrifft: Als 1945 französische Truppen in Friedrichshafen einmarschierten, mussten keine KZ-Häftlinge befreit werden, weil Maybach von deren Sklavenarbeit stets Abstand genommen hatte.
Anschrift: Museum für historische Maybach-Fahrzeuge, Holzgartenstraße 8, 92318 Neumarkt Öffnungszeiten: Täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr Eintritt: 7,50 Euro, ermäßigt 4 Euro Anfahrt: am besten mit der Bahn, am Bahnhof nicht gleich rechts, sondern ein kleines Stück geradeaus, am Sanitätshaus Gleichauf vorbei, dann rechts, der Weg dauert fünf Minuten.
Literatur
- Magnus Zawodsky: Das Maybach-Museum in Neumarkt. Audienz beim schwarzen Prinzen . In: Nürnberger Zeitung Nr. 206 vom 11. Juli 2009, S. 24]
Weblinks
- Maybach Museum -[1]
- Weitere Bilder aus dem Maybach-Museum in Neumarkt gibt es auf der - Homepage von Artikelverfasser Magnus Zawodsky
