Georg Philipp Harsdörffer

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Nürnberger Ratsherr, Jurist, Politiker, Gelehrter und Dichter der Barockzeit


Georg Philipp Harsdörffer (* 1. November 1607 in Fischbach, heute zu Nürnberg; † 17. September 1658 in Nürnberg) war ein Nürnberger Ratsherr, Jurist, Politiker, Gelehrter und Dichter der Barockzeit.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Harsdörffer stammt aus einer angesehenen und wohlhabenden Nürnberger Patrizier-Familie, die ihre Wurzeln im Landadel unweit von Bayreuth hat und seit 1521 fest zum Nürnberger Rat gehört. Er genoss eine umfangreiche akademische Bildung. Nach humanistischer Schulbildung und breit angelegtem Studium an der Akademie in Altdorf (1623-1626) begab er sich auf die damals für adelige Sprösslinge zum Pflichtprogramm gehörende „Kavalierstour“, eine Tour durch die Zentren der europäischen Bildungs- und Kunstwelt. Diese fünfjährige Bildungsreise führte ihn quer durch Europa von Ingolstadt nach Straßburg, Genf und Paris sowie nach England und in die Niederlande sowie schließlich nach Italien bis hinunter nach Neapel.

Zurück in der Heimat arbeitete er sich als Jurist in der reichsstädtischen Hierarchie rasch nach oben. Nach Tätigkeiten an verschiedenen Stadtgerichten schaffte er 1655 den Sprung in den „Kleinen Rat“, das zentrale Führungsgremium der Reichsstadt. Als Politiker und Diplomat war er mehrfach im Dienste seiner Heimatstadt.

Dichter und Gelehrter

Harsdörffer war einer der angesehendsten Poeten seiner Zeit und im gesamten europäischen Raum als Schriftsteller und Polyhistor bekannt. Dem Trend seiner Zeit entsprechend trat er vornehmlich als Vermittler von als vorbildlich angesehener ausländischer Literatur auf. Dabei tat er sich insbesondere als Übersetzer von französischen, italienischen und englischen Werken, Literaturformen, Genres und Stilen hervor.

Darüber hinaus war Harsdörffer auch als Literaturtheoretiker wichtig für die Adaption antiker und romanischer Vorbilder sowie die Schaffung einer eigenständigen deutschen Literatur im Zuge der Bemühungen von Martin Opitz.

Als poetisches Motto propagierte er das „mit Nutzen erfreuen“ und definierte die Dichtkunst als eine moralisch nutzbringende, das Publikum bildende, aber auch unterhaltende Kunst, die er als Kunstform mit christlichen Wurzeln und eindeutig erbaulichen Zielen gegenüber kunstfeindlichen Strömungen seiner Zeit legitimierte.

Harsdörffer war unter anderem unter dem Namen „der Spielende“ Mitglied in der angesehenen Fruchtbringenden Gesellschaft. Insbesondere gründete er in Nürnberg zusammen mit Johann Klaj 1644 den Pegnesischen Blumenorden, die einzige noch bis heute ununterbrochen bestehende Sprachgesellschaft der Barockzeit.

Als Dichter und Intellektueller war er Mitglied der europäischen „Gelehrtenrepublik“, pflegte einen weit verzweigten Briefwechsel und gilt als einer der Organisatoren des entstehenden deutschsprachigen Literaturbetriebs des 17. Jahrhunderts. Er beschäftigte sich mit zahlreichen Wissensgebieten, darunter Mathematik, Astronomie, bildender Kunst und Theologie.

Werke

Harsdörffer verfasste weit über 60 Bücher sowie zahlreiche Beiträge in Kompilationen anderer Dichter und Gedichte, darunter auch neulateinische.

Zu seinen Hauptwerken zählen die achtbändigen „Frauenzimmer Gesprächspiele“ (1641-1649), die ihn rasch berühmt machten. Darin enthalten ist auch die erste noch erhaltende deutschsprachige Oper „Seelewig“, zu der Harsdörffer das Libretto und der Nürnberger Komponist Sigmund Theophil Staden die Musik schrieb. Mit der „Seelewig“ macht Harsdörffer die aus Italien stammende Kunstform des pastoralen Singspiels in Deutschland heimisch, wobei er die „Seelewig“ als „geistliches Waldgedicht“ anlegt und damit christlich umdeutet.

Das geflügelte Wort Nürnberger Trichter geht zurück auf den Titel seiner 1647 in Nürnberg erschienenen bedeutendsten literaturtheoretischen Schrift, das dreibändige Werk „Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst/ ohne Behuf der lateinischen Sprache/ in VI. Stunden einzugiessen. Samt einem Anhang Von der Rechtschreibung / und Schriftscheidung/ oder Distinction. Durch ein Mitglied der hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschaft. Zum zweiten Mal aufgelegt und an vielen Orten vermehret. Nürnberg/ Gedruckt bey Wolfgang Endter, Nürnberg 1648-1653“. Darin entwickelt er die Dichtung als eine lehrbare Kunstform, die eng mit der Rhetorik verwandt ist und vor allem durch das wetteifernde Nachahmen antiker und romanischer Vorbilder (Autoren und Literaturgattungen) erlernt werden kann. Auch definiert er die Dichtung als geistliche Dichtung mit erbaulichen Zwecken und sieht sie in der Tradition des alten Topos von der Dichtung als verborgener Theologie.

Weitere Werke sind: „Der Grosse Schauplatz Jämmerlicher Mord-Geschichte“ (1649/50), „Schauplatz Lust- und Lehrreicher Geschichte“ (1650); „Mathematisch-Philosophische Erquickstunden“ (1651-53); „Ars Apophtegmatica (…) Kunstquellen Denckwürdiger Lehrsprüche und Ergötzlicher Hofreden“ (1655/56).

Wirkung

Während Harsdörffer in seiner Zeit eine literarische Größe von europäischem Rang war, geriet er im Laufe des 18. Jahrhunderts wie so viele Barockdichter in Vergessenheit. In seiner Heimatstadt Nürnberg litt und leidet er an der Konzentration auf das Schaffen des populären Schusterpoeten Hans Sachs. In Nürnberg erinnern eine gleichnamige Straße und ein Platz in der Südstadt und sein noch heute existierender Pegnesischer Blumenorden an den Dichter. Harsdörffer ist auf dem Johannisfriedhof begraben.

Ein wissenschaftliches Symposium würdigte unter dem Titel „Georg Philipp Harsdörffer und die Künste“ im Jahr 2004 den Dichter.

Ehrungen

Werke (Auswahl)

  • Frauenzimmer Gesprächspiele. Hrsg. von Irmgard Böttcher. Nachdruck. Tübingen: Niemeyer
    • Teil 1: [Nachdruck der Ausgabe] Nürnberg: Endter, 1644. – 1968, 436 S. (Deutsche Neudrucke: Reihe Barock; 13)
    • Teil 8: [Nachdruck der Ausgabe] Nürnberg: Endter, 1649. – 1969, 708 S. (Deutsche Neudrucke: Reihe Barock; 20)
  • Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst/ ohne Behuf der Lateinischen Sprache/ in Vl. Stunden einzugiessen. Samt einem Anhang Von der Rechtschreibung / und Schriftscheidung/ oder Distinction. Durch ein Mitglied der hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschaft. Zum zweiten Mal aufgelegt und an vielen Orten vermehret. Nürnberg/ Gedruckt bey Wolfgang Endter, Nürnberg 1648-1653 [Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums, Sign. 80 01 164/1, Slg. N 943] Erste Auflage: 1647
  • Poetischer Trichter. Reprograf. Nachdruck der Ausg. Nürnberg 1648 - 1653. Enthält: Teil 1 - 3. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft [Abt. Verl.], 1975, 137, 186, 563 S., ISBN 3-534-04034-1 (In Fraktur)

Literatur

  • Heinz Zirnbauer: Georg Philipp Harsdörffer 1607-1658. In: Wolfgang Buhl: Fränkische Klassiker. Nürnberg, 1971, S. 301-324
  • John R. Paas (Hg.): Der Franken Rom. Nürnbergs Blütezeit in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wiesbaden: Harrassowitz, 1995, 451 S., ISBN 3-447-03681-8
  • Markus Paul: Reichsstadt und Schauspiel. Theatrale Kunst im Nürnberg des 17. Jahrhunderts. Zugleich: Universität Erlangen-Nürnberg, Diss., 1999/2000. Tübingen: Niemeyer, 2002, X, 689 S., ISBN 3-484-36569-2 (= Frühe Neuzeit, Band 69), bes. 148-157.
  • Theodor Verweyen: Georg Philipp Harsdörffer - ein Nürnberger Barockautor im Spannungsfeld heimischer Dichtungstraditionen und europäischer Literaturkultur (I). In: Erlanger Digitale Edition, Beiträge zur Literatur- und Sprachwissenschaft vom 20. Mai 2003 - im Netz
  • Doris Gerstl (Hrsg.): Georg Philipp Harsdörffer und die Künste. Nürnberg: Carl, c 2005, 237 S., ISBN 978-3-418-00110-4 (Schriftenreihe der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg; Band 10)
  • Markus Paul: Georg Philipp Harsdörffer wäre 400 Jahr alt geworden. Nürnbergs vergessener Dichterfürst. In: Nürnberger Zeitung Nr. 259 vom 9. November 2007, S. 3
  • Josef Dirnbeck: Nürnberger Barock zwischen Bibel und Aussteigertum. Seelenlandschaft an der Pegnitz. In: Nürnberger Zeitung vom 8. August 2008 - NZ
  • Herbert Heinzelmann: Richter, Dichter und Gründer des Pegnesischen Blumenordens: Georg Philipp Harsdörffer starb vor 350 Jahren. Poet zwischen Schäferidylle und Dreißigjährigem Krieg. In: Nürnberger Zeitung Nr. 231 vom 2. Oktober 2008, Nürnberg plus, S. + 4 - NZ
  • Erik Stecher: Neue Stadtführung zum Thema Redensarten. Hier kommt man auf den Trichter. In: Nürnberger Zeitung Nr. 245 vom 23. Oktober 2009, Nürnberg plus, S. + 1 - NZ

Siehe auch

Weblinks

Artikel in der NZ

  • Originaltext! Dieser Text stammt aus der Nürnberger Zeitung, ist urheberrechtlich geschützt und deshalb nicht editierbar. Das Anlegen weiterer Abschnitte ist aber durchaus erwünscht!

Zu seinem 400. Geburtstag widmete die NZ dem Dichter ein ausführliches Porträt:

Nürnbergs vergessener Dichterfürst: Georg Philipp Harsdörffer wäre 400 Jahre alt geworden

Von Markus Paul, NZ
Seine Heimatstadt hat nicht mehr viel für ihn übrig. Es gibt kein Gymnasium, das seinen Namen trägt; keinen Preis, der an ihn erinnert; kein Institut, das in seinem Namen forscht. Bei den Feiern zum 950-jährigen Stadtjubiläum galt dem einstigen Literaturpapst keine einzige Veranstaltung — und niemand gedenkt in diesen Tagen seines 400.Geburtstages.
Dabei hätte Nürnberg allen Grund, sich dieses Mannes zu erinnern: Denn Georg Philipp Harsdörffer (1607-1658) war ein Star in der literarischen Welt des Barock und ist einer der bedeutendsten Kulturschaffenden dieser Stadt. Nach Albrecht Dürer könnte er ihr zweiter großer Sohn sein; aber für den Dichterfürsten reicht es nicht mal zum Stiefsohn. Abgesehen vom braven Schusterpoeten Hans Sachs hat man es in Nürnberg nun mal nicht so sehr mit den alten Poeten.
Die Nürnberger des 17. Jahrhunderts sahen das noch anders. Sie waren stolz, einen wie Harsdörffer innerhalb ihrer Stadtmauern zu haben. Einen, von dem Europa sprach; einer, dessen Bücher an den Fürstenhöfen gelesen wurden; der mit den klügsten Köpfen seiner Zeit korrespondierte; einer, der als weitgereister Kulturvermittler europäischen Geist und Geschmack in die Reichsstadt brachte; ein frühneuzeitlicher Reich-Ranicki, der versuchte, die deutsche Literatur aus ihrer provinziellen Nische zu holen. Dafür scharte er Künstler, Musiker und Gelehrte um sich und gründete 1644 den „Pegnesischen Blumenorden“, die einzige noch erhaltende Sprachgesellschaft der Barockzeit; ein Dichterclub, zu dem auch Frauen Zugang hatten.
Als junger Mann reiste er fünf Jahre auf akademischer Cavalierstour quer durch Europa. Er atmete die Luft der gelehrten Salons von London, Paris, Venedig, Siena, Rom und Neapel. Zurück kam ein Kosmopolit und geistiger Nimmersatt: Er liebte Mathematik, Mechanik, Optik und Astronomie ebenso wie Theologie, bildende Kunst, Opern und andere schöne Dinge.
Keine Frage war ihm zu uninteressant, kein Buch zu langweilig; ob griechisch, lateinisch, italienisch, französisch oder englisch – das Sprachgenie las einfach alles, und er schrieb wie ein Besessener. Mehr als 60 Bücher hat er verfasst, ein guter Teil davon sind mehrbändige Schwarten. Sie tragen so kuriose Namen wie „Der Grosse Schauplatz Jämmerlicher Mord-Geschichte“, „Frauenzimmer-Gesprächspiele“, „Poetischer Trichter“ oder „Mathematisch-Philosophische Erquickstunden“.
Der Mann war durch und durch barock, ein geistiger Globalplayer: Er schrieb Gedichte, Dramen, Erzählungen; verfasste Sinnsprüche, Lieder, Libretti und theoretische Schriften; bereicherte die deutsche Sprache um Worte wie „Aufzug“ oder „Briefwechsel“– und er war ein Wanderer zwischen den Künsten: Malerei, Musik und Dichtung galten ihm als verschwisterte Künste.
Sähe man die Welt mit seinen Augen, wäre sie eine andere. Eine Blume galt ihm nicht nur einfach als Blume, sondern als Zeichen für die bald verwelkende Schönheit; eine vorbeiziehende Wolke am Himmel war für ihn nicht nur ein Haufen Wasserdunst, sondern Symbol für die Unbeständigkeit alles Irdischen.
Die Welt des Georg Philipp Harsdörffer war eine Welt der Sinnbilder – und er war einer ihrer leidenschaftlichsten Sammler. Alles bedeutete mehr, als es auf den ersten Blick schien. Alles hing zusammen und fügte sich letztendlich in Gottes wunderbare Schöpfung. „Das Beste liegt verborgen“, hat er einmal geschrieben. Vielleicht ist dieser wissenshungrige Polyhistor gerade deshalb unserer bildungsfernen und glaubensarmen Zeit so fremd geworden.
Woher der Mann die Zeit für all die Musen nahm, ist allerdings ein Rätsel. Harsdörffer war im Hauptberuf vielbeschäftigter Jurist, Diplomat seiner Heimatstadt, Gerichts- und Ratsherr und nicht zuletzt Vater von acht Kindern, fünf Söhnen und drei Mädchen.
Finanziell war sein Hang zum Kinder- und Kunstreichtum jedenfalls kein Problem. Harsdörffer war ein privilegiertes Kind, stammte aus einer angesehenen und wohlhabenden Patrizierfamilie, die zum Führungszirkel der Reichsstadt gehörte und vor den Toren Nürnbergs in Fischbach einen schmucken Landsitz hatte.
So behütet das Heim war, so rau war die Zeit um ihn herum. Vor den Toren Nürnbergs tobte der Dreißigjährige Krieg; Pest und Hunger entvölkerten ganze Landstriche. Der Krieg war eine Geißel Gottes für die Sünden auf der Welt, glaubten die Menschen damals. Und Harsdörffer glaubte, dass man die Menschen besser machen könnte, damit aus dem Krieg einmal dauerhafter Frieden werden könnte.
Als Rechtsgelehrter wird er manchmal an der menschlichen Fähigkeit zur Umkehr gezweifelt haben. Als Poet ließ er sich in seinem erzieherischen Schaffen aber nicht beirren. Für ihn sollte alles Dichten „mit Nutzen erfreuen“ und immer zu „Gottes Ehre gereichen“.
Der Dichter war eben auch nur ein Kind seiner Zeit. Die Standesordnung schrieb vor, wie sich Menschen zu kleiden hatten, was sie essen und wen sie heiraten durften; eine Zeit, die das Leben als Bühne begriff, auf der jeder seine Rolle zu spielen hatte; eine Welt, die stets den Himmel über sich und die Hölle unter sich wusste.
Höllisch ungehalten konnte Harsdörffer über junge Autoren werden, die sich dem Müßiggang verschrieben hatten. So zum Beispiel Johann Klaj. In einem Brief an den Dichterkollegen Sigmund von Birken beklagte Harsdörffer sich einmal bitterlich über den jungen Dichter. Der suche die Musen nur im Wirtshaus auf und ertränke sein Talent im Bier: „Wenn er nicht schläft, säuft er.“
Heute weiß man vom Wirken des Kunstmäzens nicht mehr viel. Sein Name spielt kaum eine Rolle. Allein in der Südstadt erinnern eine lärmende Straße und ein trister Platz an den einstigen Dichterfürsten. Am 1. November wäre das Sprachgenie 400 Jahre alt geworden – ohne dass es seiner Heimatstadt eine Ausstellung, ein Konzert oder einen Festvortrag wert gewesen wäre.