Reichswald

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Lorenzer Reichswald
Reste einer großen Sanddüne im Reichswald im Norden Nürnbergs
  • Stadtlexikon Nürnberg Der folgende Abschnitt stammt aus dem von Michael Diefenbacher und Rudolf Endres herausgegebenen Stadtlexikon des Stadtarchivs Nürnberg, ist urheberrechtlich geschützt und deshalb nicht bearbeitbar. Weitere Abschnitte zu diesem Thema sind aber durchaus erwünscht.

Vorlage:NZ:Stadtlexikon/Lorenzer Reichswald

Artikel aus der Nürnberger Zeitung (vom 19.4.2008)

Der grüne Wohltäter

Von Christian Rothmund

Bei der UN-Naturschutzkonferenz, deren Gastgeber Deutschland im Mai erstmals sein wird, wird die Welt erneut mit Sorge auf den rasanten Verfall der Artenvielfalt blicken. 150 Tier- und Pflanzenarten sterben Tag für Tag aus.Doch nicht nur im Regenwald Brasiliens spielt sich dieses Drama ab, sondern auch direkt vor unserer Haustür. Wir haben die wichtigsten Nürnberger Biotope besucht, um zu sehen, wie sie sich verändern. Pünktlich zum „Tag des Waldes“ macht der Reichswald den Auftakt zur Serie und mit ihm der große Dichter des deutschen Waldes:

„O Täler weit, o Höhen, / O schöner, grüner Wald, / Du meiner Lust und Wehen / Andächt‘ger Aufenthalt! / Da draußen, stets betrogen, / Saust die geschäft‘ge Welt, / Schlag noch ein­mal die Bogen / Um mich, du grünes Zelt!“ Der Flughafen ist nur einen Steinwurf entfernt, die A3 nur wenige Schritte und die Nord­spange vielleicht nur ein paar Monate. Und dennoch gelingt es auch dem kühlsten Kopf kaum, sich Eichendorff zu entzie­hen, wenn er hier unweit des Irrhains, den sich der Pegnesi­sche Blumenorden vor 200 Jahren in den Sebal­der Reichswald ge­pflanzt hat, durch die alten Eichenbestände von Neunhof „wan­delt“. Es ist von jeher ein romantisches Verhält­nis, das der Deutsche zu seinem Wald pflegt.

Und zugleich ein ökono­misches: In Deutschland wachsen 11,1 Millionen Hektar Wald, das sind 30 Prozent der Gesamtfläche. 30000 Forstbetriebe gibt es hier. 230000 Landwirte bewirtschaften auch Wald. Rechnet man die weiter verarbeiten­den Industriezweige mit ein, die auf Holz als Rohstoff angewiesen sind (zum Beispiel die Papierindustrie), kommt man auf insgesamt 1,3 Millio­nen Beschäftigte in der Forstwirt­schaft und deren Folgegewerben. Am Holz hängen hierzulande somit mehr Jobs als sie Automobilindustrie und Maschinenbau bieten.

Der Nürnberger Reichswald zählt zu den historisch bedeutendsten Wirt­schaftswäldern in Deutschland. Bereits im 14. Jahrhundert sah sich Ratsherr Peter Stromer nach Jahrhun­derten des Raubbaus gezwungen, den Wald aufforsten zu lassen. Aber erst aufwändige Pflanzprogramme in den vergangenen zweihundert Jahren konnten der Übernutzung und dem weiteren Schrumpfen des Waldge­biets ein Ende bereiten. 1979 wurde der Reichswald zum Bannwald erklärt, seither muss für jeden gefäll­ten Baum ein neuer gepflanzt werden. 35000 Hektar ist der Wald heute noch groß — rechnet man dem Stammgebiet Sebalder und Lorenzer Reichswald (ca. 24000 Hektar), auch den Südli­chen Reichswald bei Roth hinzu. Er bildet somit das fünftgrößte geschlos­sene Waldgebiet in Bayern.

Der wichtigste Wirtschaftsbaum im Reichswald ist die Kiefer (68 Prozent), die dem Wald heute sein typisches Aussehen verleiht und ihm den nicht ganz schmeichelhaften Spitznamen „Steckerleswald“ beschert hat. Es fol­gen Fichte (elf Prozent), Eiche (sechs Prozent) und Buche. Ein von der Fortswirtschaft über die Jahrhunderte vollkommen verzerr­tes Verhältnis, sagt Gerhard Brunner. Der promovierte Biologe schrieb seine Dissertation über „Die aktuelle Vege­tation des Nürnberger Reichswaldes“, kann aber auch über dessen Vergan­genheit einiges erzählen. Während gerne kolportiert wird, dass ganz Deutschland ohne menschliches Ein­wirken ein riesengroßer Buchenwald wäre, sieht Brunner rund um Nürn­berg Eichen so weit der Blick reicht. „Pollenanalysen haben ergeben, dass im Mittelalter die Eiche der flächende­ckende Baum in dieser Region war.“ Der Buche war es hier wohl schon damals etwas zu trocken, meint der Geobotaniker, und die Fichte habe mit ihren flachen Tellerwurzeln und ihrer Anfälligkeit für Pilzkrankheiten (der Borkenkäfer tut sein übriges) ohnehin noch nie gute Karten gehabt. Die Kiefer, die den Kli­mawandel laut Brun­ner ganz gut überste­hen könnte, trat ihren Siegeszug erst mit der Forstwirtschaft an.

Die Erkenntnisse über den Zustand des Reichswaldes vor mehr als 1000 Jahren könn­ten äußerst hilfreich bei einem Blick in die Zukunft sein. Herrsch­ten in der mittelalterli­chen Warmzeit doch ähnliche Temperatu­ren, wie wir sie dieser Tage mit dem einsetzenden Klimawan­del erleben. Angesichts der Prognosen von Klimaforschern, die für unsere Region eine Erwärmung von zwei bis vier Grad in den nächsten 100 Jahren voraussagen, aber auch angesichts ei­nes Umdenkens in der Forstwirt­schaft rechnet Brunner mit radikalen Veränderungen: „Der Reichswald wird schon in fünfzig Jahren ein voll­kommen anderes Gesicht haben als heute.“ Der Laubbaumanteil wird dann wieder über 50 Prozent betra­gen, schätzt der Biologe. Die Eiche wird dominieren. Aber auch Buchen, Erlen, Traubenkirschen oder Eschen sollen keine Seltenheiten mehr sein. Schon jetzt hat sich bei dem Bestand junger Bäume das Verhältnis gewandelt, bestätigt Roland Blank, Chef des Nürnberger Forstamts. Be­reits vor Jahren, sagt der Förster, habe man die puren betriebswirt­schaftlichen Begehrlichkeiten gegen­über dem Wald abgestellt. „Die Be­wirtschaftung des Reichswaldes be­ruht im Wesentlichen auf drei Säulen. Erholung, Naturschutz und Ökono­mie. Und die letzte Säule ist da, um die erste beiden zu finanzieren. Wir sind schon lange davon abgekommen, auf Biegen und Brechen Fichten zu pflanzen, wo sie einfach nicht hingehö­ren.“ Statt dessen, meint Blank, hielte man sich heute mehr an das „Portfo­lio“ der heimischen Waldgesellschaf­ten. Eine „naturnahe Bewirtschaf­tung“ nennt er das.

Die Vielfalt könnte sich im Reichs­wald also in absehbarer Zeit sogar steigern, da sich in Laubwäldern für gewöhnlich mehr Arten tummeln als in Nadelwäldern. Aber auch heute, betont der Biologe Brunner, dürfe man die Bedeutung seines „Steckerles­waldes“ nicht unterschätzen: „Der Reichswald ist nur auf den ersten Blick eintönig“ sagt er, „es gibt hier sehr viele Ecken, die in Sachen Biodi­versität von unschätzbarem Wert sind.“ Die alten Eichen von Neunhof, in denen der Eremit zu Hause ist, seien nur ein Beispiel, meint Brunner. Der unter anderem die Brucher Lache, die Wolfsschlucht, das Gründ­lachtal und die Flechtenkiefernwäl­der bei Leinburg als wichtige Biotope aufzählt. „Und ich könnte da noch eine Weile weitermachen. Manchmal muss man eben einfach etwas genauer hinsehen.“

Und der Wald ist nicht nur für den Artenschutz, als Naherholungsgebiet und als Wasserspeicher unverzicht­bar. Als „grüne Lunge“ verhilft das in seiner Größe und gleichzeitigen Nähe zu einem Ballungsraum einzigartige Waldgebiet Nürnberg, neben Bern, Kopenhagen und Boston, auf Platz 17 in der Weltrangliste der saubersten Großstädte. „Die Wohlfahrtswirkung des Reichswaldes auf unsere Gesell­schaft ist unbezahlbar“, sagt Brunner. Allein ein Laubbaum filtert pro Jahr 100 Kilogramm Feinstaub aus der Luft. Dafür hat er das ein oder andere Gedicht allemal verdient.